28.07.2006

Nervenbahnreisen





Die Bahn. - Mein liebstes Verkehrsmittel seit vielen Jahren. Sie ist es eine tolle Sache, wenn einem die verschiedensten Menschen in verschiedenen Orten begegnen und man sich Gedanken macht, was für ein Mensch das wohl ist oder wo dieser nun hingeht. Ist dieser Mensch traurig oder fährt er gerade zu seiner großen Liebe? Oft macht man nette Bekanntschaften. Wenn man weiter weg fährt und jemand die ganze Reise über bei einem saß, dann macht mich es ganz traurig ihn nun nie wiederzusehen. Aber man sagt sich freundlich tschüs, schließlich kann man ja nicht alle Menschen kennenlernen.

Ich betrachte die Bahnfahrt wie so eine Art Schicksalsfahrt. Dort kreuzen sich viele Lebenswege. Jeder einzelne führt wo anders hin. Man sieht traurige Menschen, beschäftigte Menschen, fröhliche Menschen, zickige Menschen... Und alle wollen sie nur schnell an ihr Ziel. Aber ich mache mir immer Gedanken über jeden einzelnen, den ich länger im Blickfeld habe. Ist der Eine von München nach Aachen gefahren und ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden, die Andere ist tiefst traurig, fährt irgendwo hin, vielleicht um hinterher nach Kalifornien weiterzufliegen. Aber alle Menschen gucken in der gleichen Mimik. Alle sind mehr oder weniger freundlich, weil es sich gehört. Und ansonsten sitzt man nur verspannt nebeneinander und liest Zeitung oder starrt aus dem Fenster.

Da beginnt mein Kopf wieder zu arbeiten. Ich sehe entweder riesige Berglandschaften oder flache, undendlich weite Felder, starre den Horizont an und frage mich, was diese Reise wohl in meine Zukunft bringen wird. Manchmal trifft man aber auch freundliche Menschen, mit denen es leicht fällt einen Smalltalk durchzuführen. Neugierig hört man sich an, wo er/sie herkommt und dann ist man selber dran. Ein kleiner Berichtsaustausch zwischen Menschen, die sich symphatisch finden.

Manchmal steigt man sogar in den gleichen neuen Zug um. Dann muss einer gehen. Mir bleibt dann immer ein Kloß im Hals stecken. Dann fragt man sich nämlich wieder, was das Leben noch so mit sich bringen wird, ob man seine Freunde noch bei sich behalten kann oder ob man sie bald niewieder sieht. Ja, die Bahnfahrt ist eine echte Nervenreise.

Aber auch in anderer Hinsicht. - Wenn sie Verspätung hat. Das habe ich vorgestern und gestern zum ersten mal erlebt. Gleich eine Stunde und so war ich noch um Mitternacht mein Hotel in München am Suchen. Am nächsten Tag konnte ich nur mit der letztmöglichen Verbindung nach Hause. Ich hatte einen tollen Platz. Hinter mir saß keiner und neben mir auch nicht. Was ich eigentlich nicht so schlimm fand, aber ich musste meine Beine ausbreiten, denn meine Knie zogen.

Dann war der ICE aber schon voll und ich ahnte, dass gleich jemand kommen würde um zu fragen. Ich machte Platz.

Da kam ein Polizist in Dienstkleidung und fragte. Ich sagte „ja“ und dachte, er würde jetzt eine Oma o.ä. holen, weil er für sie einen Platz suchte. Aber er selber suchte den Platz. Da wurd mir erst etwas mulmig, denn in Gegenwart der Polzei fühlt sich jeder ja ein bisschen schuldig. Dann war seine Pistole auch noch auf meiner Seite an seinem Gürtel und ich riss meine Augen auf. Eine Waffe hatte ich vorher nur in Tatort o.ä. gesehen und nun befand sich eine genau neben mir.

Da dachte ich, ob er sich dachte, dass ich diese Waffe jetzt nehmen könnte und Amok laufe. Ich stellte mir vor, wie ich die schnell aus seinem Gürtel nehme, zum Zugführer renne und dem befehle schneller zu fahren, denn wir waren erst in Würzburg und ich wollte nach Hause. Dann stellte ich mir vor, wie alle Menschen schreien würden und der Zug vielleicht gegen einen anderen crashen würde, ich außerdem ins Gefängnis käme, also habe ich den Gedanken schnell wieder vertrieben. Dann wollte ich etwas schlafen. Meine Tasche stand offen mit Handy etc neben seinen und meinem Bein. Da dachte ich, ach das ist ein Polizist, da sind meine Sachen sicher. Dann dachte ich „und was, wenn er nur als Polizist verkleidet ist und meine Tasche ausraubt, mich vielleicht sogar erschießt und dann Amok läuft?“

Naja, dachte ich und schlief trotzdem ein bisschen. Aber nur 10 Minuten, denn ich werde von jedem Geräusch wach. Er war auch eingeschlafen und schnarchte ein bisschen. Ich guckte ihn an und musste lachen. Aber er war ein netter Polizist, sah man ihm einfach an. Vielleicht durch die Augen die tief blicken lassen. Dann überlegte ich, warum er nun hier drinsitzt. Ob er zur Arbeit fäht oder von der Arbeit kommt. Ob er eine Familie hat, ob diese auf ihn wartet. Ich mochte ihn. Und er sagte auch tschüs, als er in Fulda ausstieg. Meine Fahrt in diesem Zug endete zwei Stationen weiter in Göttingen.

Naja und da saß ich dann erstmal über eine Stunde. Denn uns wurde mitgeteilt, dass unser ICE nach Oldenburg so lange Verspätung hätte.

Da war ich zum ersten Mal sauer auf die Bahn. Denn das war die letzte Verbindung nach Hause gewesen und mir war klar, dass ich den Zug in Oldenburg nach Norden/Norddeich nicht mehr kriegen würde, außerdem nur noch 3 Euro dabei hatte und jede Sekunde vom Blitz getroffen werden könnte. Ein Mädchen kam zu mir. Wir unterhielten uns und blieben ganz ruhig. Sie rief ihre Bekannten an und ich aß Schokolade. Sie blieb bei mir, irgendwie fühlte man sich so sicher.

Als der ICE dann kam, mussten wir rennen. Ich musste zu Wagen 22 und der Lautsprecher sagte nach nur 30 Sekunden „Bitte jetzt einsteigen, die Türen schließen“. Dann mussten wir schon in Wagen 25 einsteigen und quetschten uns an den Menschen vorbei. Sie kam aber nicht mehr weiter, weil sie einen Riesenkoffer hatte. Sie hat mich dann nicht mehr gesehen und ich konnte auch nicht mehr zurück. Quasi weder vor, noch zurück. Als ich auf meinen reservierten Platz guckte, saß da eine Mädchen-Clique und dann schoss mein Kopf auf die andere Seite, als ein Mann lauthals losbrüllte. Es gab Streit um einen Platz. Aber nicht nur da. Allein vier Streits konnte man in diesem Abteil beobachten. Dann quetschte mich auch noch eine ältere Frau unverschämt gegen eine Sitzlehne.

Das wurde mir zuviel. Ich lief im Schnellgang in ein Zwischenraum und setzte mich dort zu einer Frau. Dann war ich schön in mein Buch (Gebrauchsanweisung Mann) vertieft, als eine Horde Menschen sich da hinstellten. Ich wollte gerade aufstehen, da sagte ein Mann “Können Sie da bitte aufstehen, wir wollen da aussteigen.“ Mit meinem tötenden Blick gab ich ihm meine Gedanken zu verstehen: „Erst sich unverschämt auf die reservierten Plätze setzen und dann auch noch die armen Hiersitzenden Aufscheuchen.“ Zu meiner Schadenfreude stolperte er beim Halt voll nach vorne. Dann waren viele Plätze frei und ich konnte sitzen. Die 200 Seiten des Buches hatte ich amüsiert zu Ende gelesen. Da setzten sich 4 Bahnbeamte auf die Nebensitze und flüsterten böse über ihre Vorgesetzten. Ich hörte aber alles. Dann kam glücklicher Weise aus dem Lautsprecher die Info, dass die, die in Richtung Norden /Norddeich fahren würden, einen Taxigutschein nach Hause bekämen. Ich rief Papa an. Ich fragte ihn, ob man denn dann auch die volle Prozentzahl bekäme? Nicht, dass es nur so 10 % wären oder so. Das hörte ein attraktiver Geschäftsmann (ca 25) der das lustig fand, wie ich das gesagt hab und mich angrinste. Zuerst guckte ich ihn böse an, weil ich nicht wollte, das er glaubt, dass er aufgrund seines Status immer ein Lächeln zurückbekommt, aber dann musste ich trotzdem grinsen, denn es war ja nett gemeint.

Jedenfalls mussten in Oldenburg dann alle Norden/Norddeicher zum Schalter 5. Wir bekamen dann aber nur einen, sollten zu fünft in ein Taxi. In Emden angekommen (letzte Zug) stand aber nur ein einfaches Taxi da, so musste nocheiner einspringen, der vorher noch zum Bahnschalter für einen zweiten Gutschein rennen musste.

Ich fuhr dann mit einer Frau, die aus Augsburg gekommen war und nach Norddeich musste. Auf dem Weg lief Paris Hilton mit ihrem Song, den ich genau unters die Lupe nahm. Da sagte der Taxifahrer: „Das ist das Lied von Paris Hilton.“ Ich stimmte ihm zu und wir unterhielten uns darüber, was der ca 27 jährigen Studentin wohl gar nicht gefiel. Aber ich analysiere das merkwürdige Verhalten mancher Stars gerne. Dann war ich aber insgeheim sauer, weil der Taxifahrer über Loppersum fuhr. Ich wollte doch noch das Galaxy sehen und gucken, was dort schon stand, wegen der Beach Party. Zu Hause angekommen musste ich Papa wachklingeln, denn ich war bereits durch ein Spinnennetz gelaufen und das hatte zur Folge, dass meine Tasche über die Straße flog und ich durch die Gegend rannte. An unserer Haustür sitzen nämlich noch zwei Kreuzspinnen und vier Langbeinerspinnen und die bewegen sich schonmal gerne ein paar cm weiter.

Jedenfalls war diese Reise dann zu Ende. Und es war mal wieder wie immer wie ein spannendes Abenteuer, - eine Nervenbahnreise :).




Zu diesem Text gibt es noch ein lustiges Statement eines angehenden Juristen, der meine Homepage nach meiner Bewerbung in einer Kanzlei, in der er angestellt war, ausfindig machen konnte:

"Als ich die ganzen Partyberichte gelesen habe, musste ich schon schmunzeln. Allerdings wissen Sie sicherlich, dass dies nicht unbedingt positiv auf Bewerbungen auswirkt. Aber Sie hatten ja nicht die Absicht, mir diese Erlebnisse zu unterbreiten. Ich bin jedoch froh, auf Ihre Website gestoßen zu sein, da man hier auch sehr tiefgründige Berichte findet, wie z.B. das mit dem Verreisen. Es gibt zu erkennen, dass Sie sich Gedanken machen und man erkennt nocheinmal wie gut Sie sich ausdrücken können...."

*freu*
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