Ein weiterer Weg...

Draußen gießt es in Strömen. Aber weniger ernergisch. Eher ziellos und unbeeindruckend. Denn dieses Wetter sind wir ja schon gewohnt. Mit meinem Koffer stehe ich an Gleis eins und warte auf den Inter City in Richtung Luxembourg. Wie so oft, bin ich einer der ersten Ankünftler. Während die Gesellschaft sich anhand des Planes ihr Abteil heraussucht, lasse ich den Zug einfach irgendwo vor mir halten und setze mich irgendwo hin. Dort wo es einigermaßen sauber und ruhig ist. Obwohl von Ruhe kann nicht direkt die Rede sein.

Der Regen prasselt so stark gegen mein Fenster, als wenn er mich nicht loslassen wollen würde. Und er verfolgt mich auch weiterhin während der Fahrt. So trüb wie das Wetter befindet sich anfangs auch meine Laune, doch ich versuche sie aufzubauen, denn ich habe keine Lust auf Trübsalgeblase. Als der Zug in Papenburg hält, wechsele ich vom Fenster zum mittleren Platz, damit der gleich ankommende Fahrgast seinen reservierten Fensterplatz gegenüber wahrnehmen kann. Es ist ein Mann, anfang 30. Sieht ganz ordentlich aus und ist angenehm diskret. Er blättert in seiner Bild, ich in meinem Frauen-Klatsch. Irgendwann fallen mir die Augen fast raus und außerdem bin ich am ersten Umstiegsbahnhof angekommen.

Ich verabschiede mich von diesem Weggefährten und stürze mich in das Getümmel am Bahnsteig. Die Leute sind aber diesmal anders. Statt zu hetzen, schreiten sie, - sehen erfroren aus. Ich habe keine Lust, mir weitere trübe Gedanken zu machen und laufe mit gesenktem Blick zum Zielgleis. Dort steht der Zug bereits und löst Adrenalin in mir aus. Doch meine Eile ist unnütz. Bis zur Abfahrt hält der Zug noch eine Weile.

Auf den Viererplätzen neben mir, setzen sich zwei typische Studenten. Gebildet und kommunikativ. Nur leider interessieren mich ihre Themen, die mir regelrecht ins Ohr schallen, in Momenten der tiefen Müdigkeit nicht die Bohne. Da brauch der Eine gar nicht andauernd zu mir herüberzuschielen, auch wenn er noch so süß ausschaut. Ich mache einfach die Augen zu und benutze die schallenden Worte in meinen Ohren als Einschlafkassette. Den Koffer mit Fingern umschlungen, schrecke ich immer wieder auf, sobald der Kopf nach unten fällt. Der Schokoriegel ist die Notlösung und zu guter letzt bin ich am Ende der Zugfahrt um einige Notebookneuheiten und Abgeordneten informierter.

Der letzte Umstieg ist vollbracht und die Müdigkeit überstanden. Ich starre aus dem Fenster und bin weit, weit weg. Am Nachmittag im kalten Grau wieder voll und ganz da. Ich stehe in einem Kaff, dass man im letzten Dorf noch nicht erlebt hat. Es ist schwieriger als ein Dorf. Es ist meilenweit. Die Menschen stehen wartend an den Bushaltestellen. Manche Eltern bringen ihre Söhne zum Bahnof. Viele Immigranten und Jugendliche laufen mir über den Weg. Wenig Renter. Die Passanten verhalten sich neutral, haben jedoch Minen wie verstarrt. Ein Lächeln berührt sie nicht. Bringt sie höchstens in Skepsis. Als eigentlicher Reisespezialist bringt mich die Ortschaft in Verzweiflung. Nach zwei Stunden schaffe ich es endlich, den abgelegenen Zielort mit wenig materiellen Ausgaben zu erreichen. Den Rest des Tages chille ich im Hotelzimmer vorm Fernseher und genieße den Luxus an Kabelanschluss, der mich in den Schlaf tröstet, denn Jungel-Camp-Drama oder geschauspielerte Schleichpromo irgendwelcher Sinnlosigkeiten verschwenden auf Dauer nur Grips und Nerv. Der Schlaf tut mir gut.

Der nächste Tag

Das Frühstück ist lecker, die anderen Gäste schön morgenmuffelig still. Die Sachen sind gepackt und es geht wieder raus in dieses graue, triste Leben. Mein Herz fängt an zu rasen, es ist nicht mehr lang hin... Diesmal habe ich keine Lust mir Gedanken darüber zu machen, ob es wohl schlecht oder gut ausgehen würde. Lasse es einfach auf mich zu kommen. Aber die Angst ist trotzdem da und sie macht mich so wahnsinnig, dass ich dem Taxifahrer fast vergesse seinen Verdienst zu begleichen. Der sowieso sehr entspannende, lustig unterhaltsame Mann nimmt es mit Humor und verabschiedet sich nett. Gleich werde ich freundlich von einem Angestellten empfangen. Ich laufe ins Gebäude hinein und stelle mich vor. Die Prüfung kann beginnen. Vor Prüfungsangst muss ich mich nocheinmal sammeln. Ich trete mir in den Hintern und sage mir „Du willst die Umstände bis hierhin doch wohl nicht umsonst gemacht haben?!“ Und ich wollte endlich aufhören, mir meine nicht so selten auftretenden genialen Chancen versauen. -Überzeuge letzten Endes mindestens ausreichend. Denn eine Fortsetzung erfolgt auf Angebot meines weiblichen Gegenübers. Ich bin zufrieden und auch ein wenig glücklich, schaue aber schon angestrengt wieder auf die Uhr, denn der letzte Zug fährt bereits wieder in zwei Stunden. Leider muss ich mich schon von der angenehmen Gesellschaft verabschieden. Mit Koffer und Regenjacke geht es den steilen Weg wieder hinauf. Ich komme mir vor, wie ein Stadtmensch, der sich verirrt hat. Dabei lebe ich doch selbst auf dem Land.

Die nächste Bushaltestelle hat mir der ältere Angestellte gut erklärt. Ich stelle den Koffer ab und betrachte unter geschütztem Unterstand den ins Tal hinunter strömenden regelmäßigen Regen. Dann kommt auch schon bald der Bus und bringt mich in die richtige Richtung. Die gesamte Rückfahrt verläuft schnell und angenehm. Keine einzige Verspätung, kein Gehetze. Es verläuft im Grunde genommen alles so einfach. Wenn man lernt zu entspannen und es auch will. Drama, Baby gibt es schon genug. Und das mit dem Lächeln kriegen wir auch schon noch wieder hin. ;)

In diesem Sinne, eine chillige Weiterreise auf deinem Lebensweg :)

© dolly1

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